Pfarrei St. Remigius Raisting

Herz-Jesu-Bruderschaft

Die Herz-Jesu-Bruderschaft ist 1766 begründet worden. Die Träger waren damals bei Eintritt verpflichtet, im Dorf ein Waisen- oder Findelkind zu versorgen oder einen Geldbetrag zu geben.
Die 18 Bruderschaftsstäbe werden bei den Prozessionen an Fronleichnam und am Herz-Jesu-Fest mitgetragen. Am Treppenaufgang zur Pfarrkirche wird zum Fest ein Triumphbogen aufgestellt.
Das Hochfest der Bruderschaft wird alljährlich am 3.Sonntag nach Pfingsten gefeiert. Es hat in Raisting einen hohen Stellenwert. Es wird als das "Fest" bezeichnet und übertrifft Fronleichnam, Patrozinium und Kirchweih.
Bei der Prozession durch die geschmückten Straßen des Ortes, mit allen Fahnen und Figuren werden wie an Fronleichnam die Kopie des Herz-Jesu-Bildes und die große Herz-Jesu-Fahne mitgeführt.
Neben dem Allerheiligsten unter dem Traghimmel schreiten die Träger der Bruderschaftsstäbe.
Nach der Prozession besteht die Möglichkeit der Einschreibung zum Bruderschaftsmitglied.

 

 

Geschichte, Gründung und Entwicklung der Raistinger Herz-Jesu-Bruderschaft

Bevor ich auf die Raistinger Herz-Jesu-Bruderschaft eingehe, möchte ich kurz über die Bruderschafts-Geschichte allgemein berichten. Bruderschaften sind religiöse Zusammenschlüsse. Ihre Mitglieder wollen durch gemeinsames Beten und Verrichten guter Werke christliches Leben verwirklichen. Die Bruderschaften selbst gehen auf das ausgehende Mittelalter (13. Jahrhundert) zurück. Höhepunkt war im 17./18. Jahrhundert, wo bei uns fast jede Ortschaft eine eigene Bruderschaft hatte.

Die älteste war in Polling, wo es schon 1340 eine Maria Hilf Bruderschaft gab. In Dießen gründeten sich um 1700 allein vier Bruderschaften (St. Anna Bruderschaft, die Rosenkranzbruderschaft, die Armen Seelen Bruderschaft und die Eligius Bruderschaft. In Pähl existiert heute noch, soviel ich weiß, die Bruderschaft „Unsere liebe Frau vom Berge Karmel“. In Bernried gründete 1663 der Raistinger Propst Johann Riedl, eine Bruderschaft der heiligen Familie. Die bedeutendste Bruderschaft in Bayern war die „Bruderschaft zur Mutter der schönen Liebe“ zu Wessobrunn. Sie hatte 1727 bereits 140 000 Mitglieder in mehr als tausend Orten und um 1750 von über 600 000. In Südtirol werden heute noch am Herz-Jesu-Sonntag Bergfeuer entzündet und Tiroler Fahnen gehisst. Der Brauch war 1796 entstanden, als Napoleon Tirol bedrohte und Tirol sich dann unter Führung von Andreas Hofer zur Wehr setzte.

Die Verbreitung der Herz-Jesu-Verehrung ist vor allem den Jesuiten zu verdanken. Papst Pius IX. führte dann 1856 das Herz-Jesu-Fest als Gedenktag für die ganze Kirche ein. Er bestimmte dazu den dritten Freitag – also nicht den Sonntag - nach Pfingsten. Außerdem heißt seitdem der erste Freitag jedes Monats „Herz-Jesu-Freitag“. 1899 weihte Papst Leo XIII. in der Enzyklika Annum Sacrum die ganze Welt dem Herzen Jesu.

Nun zur Raistinger Herz Jesu Bruderschaft. Gründer war Pfarrer Stanislaus Kaiser, der Nachfolger des Dekans Franz Sales Gailler. Kaiser schreibt über seine Beweggründe: „Als Stanislaus Kaiser den 5. April 1766 – also etwa 14 Tage nach Gailers Tod - das erstemal hierher in das Gotteshaus kam, fand er alles mit größtem Herzeleid sehr schlecht und noch dazu das Gotteshaus in ärmsten Stand, ohne Hilfe, ohne Hoffnung, ohne Aufsicht. Was selben aber über alles schmerzte, mußte er selbst erfahren, daß die heiligen Sacramenta von allen sehr vernachlässigt, denn einzelner Alter ausgenommen, empfingen die übrigen die heiligen Sacramente nur um Ostern und auf das Fest unseres Wunderheiligen St. Joanis Baptisto zu Heiligen Stetten weil, wie das Volk vorgab, allhier ohnehin kein Ablaß zu gewünnen (sei). Es war gewißlich H. Decanus Gailler ein eifriger und sorgfältiger Hird, er ließ an besten Ermahnungen nichts ermangeln, diese Arbeit aber als Jubiloo (= Person, die über 50 Jahre Geistlicher war) war selben gewiß nicht mehr aufzubürden, da er sein Amt im übrigen höchst rühmlich bis in seinen Tod verrichtet hat.“

 

So schlimm wie beschrieben, scheint es um den Glauben der Raisting auch nicht bestellt gewesen zu sein, denn 1765 ging man allein 6-mal zum Wallfahrten - nach Traubing, Marnbach, St. Georgen, Hohenpeißenberg und 2 x nach Dießen. Leicht dürfte es Pfarrer Kaiser trotzdem nicht gehabt haben, denn die Raistinger waren, wie der Dießener Probst um diese Zeit schreibt „allzeit so Streitige köpf … freylich wenn einer sich gar zu grob artig auf führt, und aus schweifige undienliche sachen Vorbringt, wie es zum oeftern der Stein grobe Zimmermann ein auf rührischer Kopf und Verführer deß Volcks machet, so mus man einen solch blossen händlmacher wohl das Maul stopfen, und das Still schweigen auferladen.“

1766 wurde Raisting auch von einem Hagelschauer heimgesucht - im Rechnungbuch heißt es dazu: „Wie man die felder wegen der erlitnen Schaur hat besichtiget, habn die Schäzmänner Verzöhrt“. Vielleicht hatte es Pfarrer Kaiser deswegen leichter die Bruderschaft einzuführen, auch wenn viele Raistinger Bedenken hatten, wie er schreibt. „Vielen erschien die Einsetzung einer Bruderschaft ein Werk von großen Kosten, da die Kirche arm, der Pfarrer erst angestanden, noch dazu der bittere Schauer eben dieses Jahr das ganze Feld darniedergeschlagen“. Pfarrer Kaiser war jedenfalls der Meinung, daß die Einführung einer Bruderschaft das beste Mittel sei, um die Leute zum öfteren Empfang des hl. Sakraments zu bringen. Da in dieser Zeit die Verehrung des göttlichen Herzens Jesu durch die Jesuiten und durch Papst Clemens XIII. besonders gefördert wurde, entschloss sich Dekan Kaiser zur Einführung einer Herz Jesu Bruderschaft.

Während seines Dienstes in Ingolstadt hatte Pfarrer Kaiser den bayr. Herzog Clemens kennen gelernt. Um das Ansehen der Bruderschaft zu erhöhen, wandte sich Pfarrer Kaiser an Herzog Clemens und bat ihn, das Protektorat - die Schirmherrschaft - über die Bruderschaft zu übernehmen. Herzog Clemens sagte zu. Pfarrer Kaiser berichtet darüber unter der Überschrift „LaVDate Cor SanCtVM IesV!“ (Lobet das Herz Jesu). Die Überschrift selbst ist nicht das Besondere, es macht diee Aufmachung; die hervorgehobenen Buchstaben ergeben das Jahr 1766 – also das Gründungsjahr. Kaiser schreibt dann u. a., dass der Herzog „Freudenzähren wegen der großen Ehre vergoß“ – und dass sich dieser höchstpersönlich für die Einsetzung Bruderschaft in Augsburg und Rom stark machte.

Am 26. Juni 1766 – also 1/4 Jahr schon, nachdem Kaiser Pfarrer in Raisting geworden war - genehmigte Papst Clemens XIII die Bruderschaft und verlieh den Angehörigen der Bruderschaft besondere Ablässe:
„1) am Tag der Einschreibung nach dem Empfang der Sakramente einen vollkommenen Ablaß,
2) ebenso wer in der Todesstunde das Sakrament empfing, oder, wenn er dazu nicht in der Lage war, den Namen Jesu ausrief oder rief: O liebstes Herz Jesu,
3) ebenso wer zum Titularfest in die Bruderschaftskirche zu Raisting kam und dort betete,
4) wenn sie den Bruderschaftsaltar besuchten am Neujahrstag, Josefi, Maria Geburt und Allerheiligen,
5) wenn sie eine hl. Messe in der Bruderschaftskirche oder die Bruderschaftsversammlungen besuchten, Arme beherbergten, Frieden unter Feinden stifteten oder dazu verhalfen, einen Leichenzug begleiteten, an Prozessionen und Kreuzgängen teilnahmen, an einer Krankenkommunion teilnahmen oder andere gute Werke verrichteten.“

Herzog Clemens, so schreibt Pfarrer Kaiser, stiftete „ein Bildnis Jesu, das der Hofmaler Kaufmann mit seinem künstlichen Pemsel verfertigt/ … als ein ewig zu ehrendes Bruderschaftsbild.“ Dieses Bild ist normalerweise am Hochaltar zu sehen, am Herz-Jesu-Fest am Bogen vor der Kirche. Pfarrer Kaiser schreibt weiter: „daß selbe zu ewigen Zeiten die durchl. Clementinische Erzbruderschaft des allerheiligsten Herzens Jesu heißen solle.“ Herzog Clemens erbat sich u. a. eine „jährliches, an unserem Hl. Namenstag offerirtes Hochamt und aller Mitbrüdern und Schwestern eifriger Gebeth bey allen … zu haltenden Versammlungen.“

Die Einsetzungsfeierlichkeiten fanden im November 1766 statt, nachdem „sich die Felder erholt (von dem angesprochenen Hagel) und eine recht ergiebige Ernte erfolgt“ war. Am „Sonntag vorher“ – am 16. November -, so schreibt Kaiser weiter, „wurde diese Festivität in der ganzen Gegendt von der Kanzel verkündet. Die von München, Augsburg, Ingolstadt, Landsberg, Hall, Eichstätt und anderen Orten eingesandte Brief bezeugen die Freud und das Frohlocken der neuen Mitglieder. Die Kirche war, soviel es sein konnte geziert, auch von außen Banner gesetzt/ und auf dem Choraltar für das Gnadenbildnis zugerichtet. Um 3 Uhr wurde mit den Glocken zusammengelitten und die Vesper gehalten, sodann von Stanislaus dem Pfarrer und Joane Michael Schmid, Cooperator, bis 7 Uhr dem Beichthören abgewartet.“

Am Festtag selbst kamen „endlich die von Sr. Durchl. Clem. Franc. Herzog in Baiern etc. durch Hochgefährt abgeordnete 2 Patres Jesuiten - darunter ein Minister - unter allgemeinen Frohlocken an. Seiner Hochw. Gnaden Titl. Herr Prälat von Dießen Berchtoldus etc. kam am Sonntag um 8 Uhr mit 3 Kutschen an, unter Geläut und Pöllerlösung. Die Volksmenge ist kaum zu beschreiben, um 9 Uhr ging der feierliche Zug vom Pfarrhof aus/ Musik und Ornat, Hochamt. Bis nach 12 Uhr dauerte der Akt, wo das Herz Jesu Bild nach dem Hochamt auf den Seitenaltar übertragen wurde. Abends war die Vesper und sodann 9 Tage nacheinander eine feierliche Andacht, bei dem göttlichen Herzen, von welchen sogleich viele Gnaden flossen. Zur Danksagung bei Sr. Durchl. reiste Stanislaus Kaiser mit den 2 Patribus naher München und erhielt die höchsten Gnaden./ So lang auch Clemens Franciscus lebte, kamen jedesmal die Durchl. abgeordneten Patres S.J.! auch noch einige Jahre hinach. Merkwürdig ist, daß der große alljährliche Schauer von der Zeit der Einsetzung dieser Bruderschaft entfernt blieb.“ Schließlich merkt Kaiser noch an, dass man es den Herz-Jesu-Spenden zu verdanken habe, dass man die Pfarrkirche restaurieren und erneuern konnte (u. a. den Hochaltar und die Seitenaltäre von Schaidhauf).

Pfarrer Kaiser gab außerdem 1766 ein Büchlein heraus. Darin sind neben den Zielen der Bruderschaft, d. i. die Verehrung des Hl. Herzens Jesu, auch die Pflichten der Bruderschaftsmitglieder aufgeführt, „doch ohne Verbündung einer Sünd“, d. h. die Mitglieder wurden nicht unter Sünde zur Einhaltung verpflichtet:
1) täglich sollen 3 Vater unser und 3 Ave Maria gebetet werden,
2) am Freitag jeder Woche die hl. Messe besucht werden
3) ein Bildnis oder Ablaßpfennig des Hl. Herzens Jesu bei sich oder zu Hause haben und öfters ansehen,
4) öfters beichten und kommunizieren und die Tugenden der Gottes- und Nächstenliebe, der Demut und Reinheit, der Sanftmut und Geduld üben,
5) für die Paktisten (= Bruderschaftsamitglieder) wird monatlich eine hl. Messe gelesen, und einmal im Jahr ist für alle eine gemeinsame besondere Betstunde.

 

Es ist bekannt, dass Franz Sales Gailler viele Wundertaten von St. Johann beschrieben hat. Pfarrer Kaiser schrieb zumindest ein kleines Wunder der Verehrung des göttlichen Herzens Jesu zu. Er notierte: „Die erste Gnade erhielt ein Kind von 2 Jahren, Margarita Zwergerin (Schwarzmüller), die an der Zunge ein Gewächs hatte, daß die Zunge nicht mehr konnte bewegt werden. Alle Medizin war vergeblich/ und ihren Tods gefährlich. Die Eltern trugen das Kind zum göttl. Herzen und das Gewächs verging von Stund an.“

Pfarrer Kaiser meinte auch, dass man es dem Herzen Jesu verdanke, dass Raisting 1771 ein gutes Erntejahr hatte, obwohl „allgemein Misswachs war, durch Schauer verursacht“, so dass „der arme Mann kleyen, Haber etc. Schmutzig´ brenn Essl, endlich Brod von haber u´d Fäsen Strohe, so gar von baum Rinden aß“. Um diese Zeit – bis nach 1800 – gab es auch eine Herz-Jesu-Bruderschaftskerze, für die Gemeinde, wie für die Wallfahrts- und Osterkerzen, das Wachs kaufte.

Als der Jesuitenorden 1773 aufgehoben wurde, wurde auch die Herz-Jesu-Verehrung zeitweise verboten. Doch so lange Pfarrer Kaiser in Raisting war - er wurde 1782 zum Dekan ernannt und ging 1789 nach Seehausen – blieb das Herz-Jesu-Fest in Raisting erhalten. Dies kann man aus folgendem Schriftstück von 1786 ersehen: „Das getreid zeigte sich auf dem Felde so un Vergleichlich, das man es kaum so denket. Ein ähre Roggen von mittern Gattung war über 3 Ellen od´ über 9 Schuh lang (= ~ 1,80 m). Aber der gewaltige Blazreg´ warf alles darnied´ mit groser Besorg´ Am St Johanes Tag den 24 Junij fing es wüthend zu giesen an, so daß am 25 als am Feste H. Cordis kein fremder Mensch nach Raisting kam - nur S. Hohw. P Procurator, u´d H. Seerichter u´d Fr. Hofrichterin kamn mit viler mühe - es war ein Elend in Raisting, Dießn etc ein wahres Venedig.“

Bei der Abdankung von H. Pfarrer Kaiser schuldete die Pfarrei ihm, so schreibt er selbst, „für die Bruderschaft 555 Gulden. Dieses Geld wäre ihm also zu vergüten, … für das selbige (solle aber) ein Glöcklein hergestellt werden“. Weiter meint er: „Zum heil. Herzen Jesu kamen … schon sehr viele Ortschaften mit dem Kreuz, … Benamtlich Eresing. Utting, Erling,. Wessobrunn, Polling, Bernried, Wielenbach, Hausen, Pähl, Wilzhofen, die meisten Bernrieder Pfarreien, etc. etc.“

Unter Kaisers Nachfolger, Pfarrer Stubenrauch, wurde das Herz-Jesu-Fest, wohl als Folge des Jesuitenverbotes, nicht mehr gefeiert. Dies kann man aus dem Verkündungsbuch von 1808 herausfinden. Dort heißt es: „19. Juni 2. Sonntag nach Pfingsten … Freitag (das war dann der 24.) 8 Uhr S. Johann Predigt und Amt 26. Juni 3. Sonntag nach Pfingsten Nachmittags 3 Uhr Vesper, abends 7 Uhr Litanei Mittwoch (= 29.) bei S. Johan der von der hisigen Gemeinde wegen Ross u Vich verlobte Gottesdienst Donnerstag wird für alle aus der ehemalign (dies sagt es aus!) Herz-Jesu-Bruderschaft abgestorbene ein Seelamt gehalten.“

1814 wurde das Jesuitenverbot wieder aufgehoben und damit ging es auch mit der Raistinger Herz-Jesu-Verehrung wieder aufwärts. Pfarrer Messert schreibt 1830: „das Hauptitularfest des allerhlsten Herzens Jesu – wird früh zur Beicht geleßen – läßt die Gemeinde um 6 Uhr eine frühmeß lesen, – um 9 Uhr der pfarr´. Gottesdienst mit Amt u. Predigt darauf solemne (= feierliche) Prozeßion im Dorfe, wobey Gras ausgestreut, u. Mayen gesteckt werden müssen(!) – können auch Figuren, wenn sich Trägerinnen vorfinden getragen werden.“ Die Mayen sind laut Schmeller Zweige, Büsche, Bäume, mit welchen „Tempel, Häuser und Gassen“ geschmückt werden.

Das Fest ähnelte also doch schon sehr stark unserem jetzigen Fest. Zur Gründungszeit, 1770, war eine Woche lang Kirchgehen angesagt. Pfarrer Kaiser schreibt: „Am Donnerstage vor dem hohen Fest des herzens Jesu ist die solenne Vesper, und wird beicht gehört, wo die Alten leute, die Kinder, und die auf dem Sontag gehindert, beichten.
und da schon die 9. tägige Andacht als eine Vorbereitung auf das hohe feste vorstehet, so ist bey der frühmeß die gewöhnliche Meß Andacht bey aus gesezten he. Altars Sakrament, mit Segen, Evangelium etc.
Am Freytage ist sodann die Procession im Dorfe feirlich mach dem Hohamte . wobey die Evangelien gehaltn werdn – sollte man nicht umgehn könn, ist das alles doch in der Kirhe.
Abends um 12 Uhr ist die Bethstund für die ledign Person – um 1 Uhr für die Verheuraten, um 12 uhr kommn die Kinder vom Schulhaus herein in einer Prozeßion, bethen laute bis halber 3 uhr, wo so dann die Andacht mit der Vesper und Bendiction nach dem te Deum laudamus beschlossn wird.
Nb. bey dem hohamt wird die Formel laut auß vorgebethet, und die opferkerze trag der oberführer zum altar.
Am Samstage ist der Beschluß der 9 tägig´ Meß Andacht . und Abends um 3 uhr die Vesper, wo wied´ beicht gehört wird – um 7 Uhr ist erste lytenej, welche 9 Tage hindurch bey ausgesezt hohwürdigst Gut, und voller Beleichtung hohfeirlich gehalten wird.
Festtage des Herzen Jesu
Um 5 Uhr ist die erste hei´ Meß, wo bey gespeiset (= kommuniziert), und beicht gehört wird: und so wird angetragen, daß alle Stund eine he. Meß rihtig komme – Die Predigt ist um 9 Uhr vor dem Hohamt – unter dem Hohamt ist eine he. Meß in der Kapelle auf dem Fridhofe, (Es gab also damals noch eine kleine Kapelle bei der Pfarrkirche, der jetzige Friedhof wurde erst um 1870 angelegt)

Nach dem Hohamt ist die Prozeßion im Dorf (wenn seyn kann) od´ in d´ Kirhe (Anm.: Bis etwa 1960 stellte man für die Prozession beim Wirt und Peitinger zwei Bögen auf) – hernach das te deu´- Pange linqua – und Bedictio – Endlich noch zum beschluß ein he´ Meße Nb. die formel (= Gelöbnis) wird beym Offectoriu´ (= Gabenbereitung) erneuert, und mit brenenter Kertze auf der Kanzel vorgebethet.
Abends um 3 Uhr kommn die Kinder mit einer Prozesion vom Schulhause herin bethn das dreisger Gebeth, die Lytenj vom heil. herzn, und den Kreuzwege. Um 4 Uhr die Vesper, und 7 Uhr die Lytenj. Alles feyrlich. Am Montag ist ein Seelen amt für alle verstorbene mitverbunder, wo der Flor und andere Trauer Grüße benützt wird´. Abends bis die ganze Woche hin alle Tag um 7 uhr die Lytenj.“

Die Anschaffung der Bruderschaftsstäbe war wahrscheinlich 1837 unter Pfarrer Messert, als die Kirche noch einen Holzboden hatte. Es sind heute noch 18 Stück. Sie sind in Privatbesitz und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Wie die Stecken in den Besitz der jeweiligen Häuser kamen, ist unklar. Vielleicht war es im Losverfahren. Die Stecken zeigen auf der einen Seite das flammende Herz Jesu, auf der anderen Seite das baierische Wappen. Die Inschrift auf der Wappenseite lautet: „Clemens Franciscus, Herzog in Baiern, Protector et Praefectus der Clementinischen Erzbruderschaft des süssen Herz Jesu zu Raisting 1837“ und auf der Herz Jesu Seite: „O Aller Herz liebt dieses Herz- Herzog Clementinische Erz Bruderschaft des Heiligen Herz Jesu.“

 

Pfarrer Messert legte 1830 auch ein Mitglieder- und Kassenbuch an und ließ Herz-Jesu-Bilder verkaufen. 2 Jahre zuvor schreibt er über die Raistinger: „Die Raistinger zeichnen sich durch Fleiß und Thätigkeit vorzüglich aus. Sie bilden ein eigenes Völklein, das an Kulturgeist alle seine Nachbarn weit zurückläßt; denn vom frühesten Morgen bis spatesten Abend sieht man hier ein unausgesetztes Wirken u. Treiben. Schon über 200 Tagwerk Gründe kultivirte es seit mehreren Jahren. pp.“

Um diese Zeit gab es in Raisting auch eine Sekte, wie Schweizer im Rahmen eines alten Hausnamenverses berichtet. U. a. heißt es da: „Der Tämas (= Welzmüller) geat as Polln der Dräxler (= zwischen den 2 „Dettls“ ) seet: der Tuifi soi Beschtlaana holln. … Härschaft, gaits auf der Gmoan dunt beasi Weiwer! seet der alt Meiler“: Die Beschtlanna – benannt nach der Sekte des Thomas Pöschl - lebte beim „hintern Dettl“. Si wurde von den Pöschelianern angeblich als „heilige Mechtildis“ verehrt. Sie mußte immer getragen werden, damit sie den sündhaften Erdboden nicht berühre. Man feierte auch eine Art heilige Messe, wobei die „hl. Mechtild“ von brennenden Kerzen umgeben, nackt vor den Gläubigen gekniet haben soll.“

Messerts Nachfolger, Pfarrer Franz Xaver Klaß, gab 1843 ein Büchlein mit Gebeten und Ziel der Bruderschaft heraus. 1861 wollte er ein neues Bruderschaftsbüchlein drucken lassen. Dies wurde aber vom Ordinariat in Augsburg nicht erlaubt, man erlaubte nur einen Ablasszettel. Er erreichte aber den Beitritt der Herz-Jesu-Bruderschaft in das Gebetsapostolat der Kirche Maria della Pace in Rom. Ich könnte mir vorstellen, dass dies auf Vermittlung des Raistinger Geistlichen Dr. Pius Heinrizi geschah, der zu dieser Zeit in Rom studierte und der u. a. im Petersdom gehaltene Predigten ins Deutsche übersetzte. Wahrscheinlich hat er auch den Text des Liedes „Kling Glöckchen klingeling“ geschrieben.

Mit dem Beitritt in das Gebetsapostolat war Pfarrer Klaß noch nicht zufrieden. 1875 versuchte Pfarrer Klaß den Anschluss der Raistinger Bruderschaft an die Erzbruderschaft Maria Della Pace in Rom zu erreichen, „um (so begründet er es) den Mitgliedern der Herz-Jesu-Bruderschaft zu Raisting die Gewinnung der Ablässe der genannten Erzbruderschaft zu ermöglichen“. Das Ordinariat meinte dazu, dass dies nicht nötig sei, da es durch die Mitgliedschaft in dem Gebetsapostolat schon erreicht sei.

Die Bewegung des Gebetsapostolats entstand 1844 in Frankreich. Die „Apostel des Gebetes“ wollen ihr gesamtes Tun und Denken ein Segen für die Kirche und die ganze Welt wird. Ein wirkungsvolles Mittel dazu ist vor allem das tägliche Herz-Jesu verehrende Gebet. 1968 erfolgte die Bestätigung der Statuten des Gebetsapostolats durch das Zweite Vatikanische Konzil. Sie hebt dabei die Bedeutung der Laien, also die Heiligung des Alltags, heraus und nennt die religiösen Übungen des Gebetsapostolats ein Programm christlicher Vollkommenheit und Seelsorge. Die Kirche della Pace ist heute Klosterkirche eines brasilianischen Frauenkonvents, mit einem sehenswerten Kreuzgang. Sie steht gegenüber dem Vatikan, links vom Tiber, etwa 500 m davon entfernt.

Ein weiteres Herz-Jesu-Bruderschaft-Gebetsbüchlein erschien am Ende des 19. Jhdts. Die erneuerten „Regeln und Satzungen“ betonen vor allem die Bedeutung des Friedens, sie beginnen: „Alle Mitglieder sollen sich möglichst befleißigen, die Tugenden des göttlichen Erlösers nachzuahmen, daher Frieden haben mit Jedermann … Sie sollen die Sonne nicht untergehen lassen über ihrem Zorne.“, d. h. nicht mit einem Streit ins Bett gehen.

Das nächste Gebetbüchlein gab um 1920 Pfarrer Tremel heraus. Zu Tremels Zeiten hing der Stiftungsbrief, im übrigen, wie er selbst schreibt, unter der Kanzel. Auf einem Foto aus der damaligen Zeit ist zu sehen, dass außerdem jeder Bruderschaftsträger an der Wandseite einen eigenen Stuhl hatte. Pfarrer Tremel verhielt sich im übrigen ähnlich kritisch gegenüber der Obrigkeit, wie die Raistinger 150 Jahre zuvor. Als er wegen seiner politischen Einstellung vom Bamberger Bischof gemaßregelt wurde, ließ es sich Ludwig Thoma nicht nehmen, ihn in einem 2-seitigen Artikel mit der Überschrift „der Fall Tremel“ zu verteidigen.

Aus der Zeit zum Ende der Amtszeit von Pfarrer Tremel, um 1930, berichtet Pater Edwin Frankl. Er schreibt: „Aus meiner Ministrantenzeit erinnere ich mich noch sehr gut ans Hochaltaraufbauen und ans Blumenstöckesammeln. Damals wurde der Hochaltar verkleidet mit Holzelementen, die mit Messingblech und vielen bunten Glassteinen verkleidet waren. Irgendwo im Kirchenspeicher müssen diese Sachen noch zu finden sein- Von den umliegenden Höfen wurden Geranienstöcke für eine Woche entlehnt und nach der Oktav des Festes wieder zurückgebracht. Für diese Arbeit bekamen wir Ministranten vom guten alten Mesner Burger immer pro Mann eine Brezn, die er aus seinem eigenen, kargen Geldbeutel bestritt. Wir wußten das zu schätzen und hatten den alten Mann mit Vollbart sehr gern.“

1986 ließ man zum 220. Herz-Jesu-Fest Stäbe, das Herz-Jesu-Bild, die Remigius- und Johannesfigur renovieren und die Remigius- und Herz-Jesu-Fahne erneuern. Auch wurde ein neues Bruderschaftsheft gedruckt Bei der Feier selbst waren dann der Ettaler Abt und der bayr. Finanzminister Streibl dabei.

Zum Schluß meiner Ausführungen möchte ich nochmal Pfarrer Kaiser zu Wort kommen lassen: „Er hat ja Trost Genug, daß seine Pfarr Kinder so oft die heiligen Sakramente empfangen, die sie vorhin kaum öfters als um Ostern, und am St. Johannes Tag empfingen –… Also hoffe ich, solle kein Nachfolg´ zu klagen haben. Ich bitte und ersuche meine Nachfolger dieses zubeherzigen, und sie sollen das hundertfältige erhalten.“

Vortrag von Albert Tafertshofer; 21.2.2008

 

 

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